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Elisabeth Luchesi - Warum ist es am Rhein so schön 1

Beim Herumstehen auf dem Rheinturm*, der eher ein Fernseh-Turm ist, aber womöglich noch ganz anders heißt, jedenfalls mindestens 120 m über der Stadt - oder sind es 250 m - kurz und gut dort oben, wo der Grund ganz sachte unter den Füßen schwankt, sieht man Düsseldorf - und das zu Recht. Im Gegenteil wäre es verwirrend, alles andere hinein zu sehen in dieses eigenartige Muster aus Linien und Lichtem, die in der Abenddämmerung erst zögernd, zeitversetzt und irgendwie verträumt, dann aber immer entschiedener aufleuchten und - durch diesen Entschluss offenbar stabilisiert - immer weiter leuchten, - die einen am Platze, die anderen zügig durch das Bild strebend, das sie mit sich selbst schrittweise erst herstellen.
Die Stadt ist zu sehen - unverwechselbar - und auch weit darüber hinaus, wie man den Inschriften auf den giäsernen Ausgucksegmenten entnehmen kann. Nach da und dort hinaus und hinüber kann man schauen, und die Blicke möglicherweise olympisch schweifen lassen. Dies erzeugt das Gefühl der Übersicht, das einen vor eventuellen Schwindelattacken bewahrt, eine Perspektive, die auch bei drohender Seekrankheit empfohlen wird, und es ist eine Schau, die, wie man deutlich spürt, auch als Therapeutikum gegen die Einverleibung durch eine gefräßige Umwelt nützlich ist. Wenn einen diese Thematik nicht schon vorher beschäftigt hat, kommt einem der Gedanke zwangsläufig dort auf dem Turm in den Sinn.
Und mehr als das. Daraus lösen sich damit zusammenhängende oder darein verwobene Fragen, wie Luftbläschen aus dem sandigen Untergrund eines Aquariums, - kleinere und größere Fragen, die so unverhofft nebeneinander oder in Intervallen auftauchen und so wenig berechenbar sind, dass man schließlich, bei einigermaßen heiterer Grundstimmung, die ordnende Kontrolle aufgibt und sie einfach gewähren lässt.
Das führt zu weiterer Heiterkeit, weil ja die Antworten in dem Tempo weder gesucht noch gefunden werden können, es kann sich sogar ein leichter Rauschzustand einstellen, der sich aber von purer Albernheit dadurch unterscheidet, dass sich im Inneren ein flexibles Gerüst bildet, an dem sich die Fragen wie Klebe- oder Kreuzungsstellen anhaften - und nicht wie bei den Attacken der Albernheit durch einen hindurchjagen ohne Spuren zu lassen.
Es ist jedenfalls ein einigermaßen glücklicher Zustand, festzustellen, dass all das, was da von ferner oder näher ins Bild kommt, nicht mit eindeutigen Antworten aufwartet, sondern eher - vielleicht sogar etwas verschmitzt - auf Befragungen zu warten scheint oder aber überhaupt nicht wartet, sondern irgendwie da ist. Aber wie da?

Elisabeth Luchesi - Warum ist es am Rhein so schön 2

Zwischendurch ging mir Heinrich Heine durch den Sinn und das Bild, wie er auf dem Turm über Düsseldorf gestanden haben würde mit seinen Gedanken, und ich werde vorübergehend fast melancholisch, stelle mir dann aber - in Anwehung durch die Melodie „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten…“ die verzwickte Frage, ob man hier oben nicht gleichzeitig Loreley und Schiffer ist, Faszinosum und Faszinierte in einem sachte ineinander verschwebenden Arrangement, das weder Opfer noch Täter benötigt und auch nicht ein Gestern zum ewig sich erneuernden Morgen verpflichtet. Eine Atmosphäre, die auch die Sphinx beschlichen haben mag, bevor sie sich bei der richtigen Antwort von ihrem Sockel herabstürzte und als Rätsel auflöste.

Dass bei derart erhabenen Aussichtspunkten eine allgemeine Sogwirkung herrscht, ist bekannt und dem untergründigen Verlangen in den Äther hinaus und in alle Richtungen zu fliegen oder fliehen wird durch dicke Glasscheiben Einhalt geboten. Genau aber dieser Anblick ist der erste, der sich beim Verlassen des Fahrstuhls und Betreten der verglasten Aussichtsplattform bietet: Junge Leute liegen rücklings mit winkelig ausgebreiteten Armen und Beinen wie Fallschirmspringer oder Frösche von unten gesehen auf den nach außen geneigten Scheiben und lassen sich so mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund, zu dem man sich wohl einen langen Schrei denken soll, fotografieren. Nur eine junge Frau fiel bei meinem Besuch dort oben aus der Rolle, indem sie, ebenfalls auf der Scheibe liegend, im Halbprofil zur Seite gewandt, einladend lächelte und mit einer eigenartig komödiantischen Geste nach unten und zur Seite wies, als hätte sie soeben den Vorhang vor einem Schauplatz aufgezogen, der obwohl für alle einsehbar, doch durch ihre Geste erst eröffnet wurde.
Das hatte natürlich einen starken Aufforderungscharakter, und ich schaute also in gleitenden Übergängen weit und nah und mit mildem Flattern im Inneren auf die ständig wechselnden Bedeutungen, die der fluktuierende Perspektivenwechsel hervorbrachte. Wenn alles so klein und dabei schier endlos vor einem ausgebreitet liegt auch noch beim Namen genannt wird, kommt auch schnell der Eindruck einer Spielzeuglandschaft auf und damit ein Gefühl kindlicher Rührung. Man versetzt sich in die Gebäude, die man oft betritt oder bewohnt hinein, staunt über die eigene niedliche flohhafte Kleinheit oder schnürt an oft durchlaufenen Straßenzügen, wie an Stick- oder Schnittmustern entlang, ein lustiger Spaß - einfach so – alles durchströmt von dem Aroma einer paradoxen Versöhnlichkeit, die eben aus diesem mikroskopischen Selbst-Gefühl, gepaart mit grandioser Übersicht ihre Gemütlichkeit schöpft.
Die Autoscheinwerferschweife, die aus Bilk kommend in Richtung Rhein zeigten, hatten es mir ebenfalls eine Weile so angetan, dass ich mich auf einen der Stühle niederließ, um sie in Ruhe zu betrachten. Auf eine solche Idee würde ich unten niemals kommen, es sei denn in einem Zustand äußerster Verzweiflung.

Über kurz oder lang aber wendet sich aber jeder Besucher mit einer jähen Bewegung ab, reißt sich vom Anblick los und rast im dicht an dicht besetzten Aufzug zurück in die Tiefe - dies allerdings mit einer wattierten Sanftheit, die nicht gleich unterscheiden lässt, ob man nach oben oder unten gepresst wird - bald ist man aber draußen und rennt beinahe weiter, nicht ohne sich dabei flüchtig umzusehen, ob einem nicht etwas aus der Tasche entglitten oder sonst wie abhanden gekommen ist.

Elisabeth Luchesi - Warum ist es am Rhein so schön 4

*Der Rheinturm ist ein Fernsehturm in Düsseldorf und mit 240,5 Metern höchstes Bauwerk der Stadt und der zehnthöchste Fernsehturm in Deutschland. Der von 1978 bis 1982 erbaute Rheinturm dient sowohl als Träger von Antennen für Richtfunk, DVB-T-Fernsehen und UKW-Funkdienste als auch als Aussichtsturm. Der direkt am Rhein stehende Turm trägt als Besonderheit an seiner zur Altstadt zugewandten Seite eine so genannte Lichtskulptur, die als größte Dezimaluhr der Welt gilt. Der Rheinturm ist für die Öffentlichkeit zugänglich, prägt das Stadtbild von Düsseldorf und ist eines ihrer Wahrzeichen. Jährlich besuchen etwa 300.000 Menschen den Rheinturm. (Wikipedia)

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