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Einladung Zeit  

Ausstellung ZEIT
Malerei und Zeichnungen von Elisabeth Luchesi im Franzen Zollhaus

Eröffnung am 25. September 2021 um 16 Uhr 

 
Vortrag von Dr. Lorenz Wilkens, Philosoph, Berlin:
„Notizen zur Zeit“
Uraufführung der Komposition ZEIT von Raughi Ebert

Franzen Zollhaus e. V., Hardt 29, 47877 Willich
Anfahrt: A 52 Abfahrt Kaarst Osterrath links 1,6 km folgen.


Der von der international konzertierenden Band Tierra Negra bekannte Gitarrist Raughi Ebert hat sich für die Vernissage von Elisabeth Luchesis Bildern zum Thema „Zeit“ inspirieren lassen und speziell zur Eröffnung eine Musikkomposition mit dem Titel „Time Lapse“ (deutsch „Zeitraffer“) kreiert. Die Komposition fängt die Stimmung von Elisabeth Luchesis Bildern in Eberts typischer Musiksprache ein, in der alte elektronische Synthesizer Sounds der 60er und 70er Jahre mit Gitarrenklängen verschmelzen. Zu hören und zu sehen ist Raughi Eberts Live-Performance von 17.00 bis 20.00 Uhr immer zur vollen Stunde.

 





 

UNTERWEGS – eine Bilderinstallation
von Elisabeth Luchesi

Die alte Metapher des Wanderns und Unterwegsseins für den Prozess des Lebens und der Struktur der Welt bestimmt die Bilderinstallationen von Elisabeth Luchesi (Absolventin der HdK Berlin und Meisterschülerin von Prof. Marwan)

Präsentiert wurden die Ausstellungen UNTERWEGS mit verschiedenen Arbeiten an vier Orten:

Franzen Zollhaus, Willich
13. Sept. - 4. Okt. 2020

Initiativenhaus, Düsseldorf
19. und 20. Sept. 2020

Atelier Lena Kuntze, Düsseldorf
Oktober 2020

P2, Raum für Kunst, Wissenschaft und Kommunikation, Luckenwalde
24. Okt. 2020 - 1. Mai 2021 

 

-> Katalog Unterwegs als pdf

Katalog zum Download

   

   

  

 

UNTERWEGS

Bilderinstallationen

Motive verselbstständigen sich. Sie wandern aus den Bildern und werden zu dreidimensionalen Objekten. 
Oder ist es umgekehrt, und die Objekte machen sich in den Bildern breit? 
Das Spiel der Formen wird eröffnet. Diese Inszenierung hat etwas Spielerisches – schweben doch Gestalten wie große Wesen im Raum. Es ist auch ein wenig wie im Zirkus – man könnte sich dazu Geräusche vorstellen: Tier und Menschenstimmen, Gespräche, Satzfragmente, Ausrufe und diverse Laute.

Für mich sind die großformatigen Farbzeichnungen keine Illustrationen von Worten oder Klängen. Eher könnte man in diesem Zusammenhang von Lautmalereien sprechen. Es handelt sich ja auch nie direkt um formulierte rhythmisierte Texte, die mir bei dem zeichnerischen Entwurf zukommen, sondern um so etwas wie Klanggebilde, die im entsprechenden Augenblick in mir nisten und denen ich mit meinen zeichnerischen Gesten entsprechen möchte.

Aus diesem Milieu sind die Objekte wie Doubles oder plastische Verkörperungen entsprungen. Sie führen gewissermaßen außerhalb der Bilder ihr Eigenleben. Sie sind unterwegs.

Vielleicht noch eine allgemeine Bemerkung zu meinem malerischen Vorgehen:
Mein inneres Erleben – ob im Traum oder in träumerischen Zwischenzuständen der Wahrnehmung – führt mich selten in eine Bilderwelt ohne sprachliche bzw. klangliche Komponenten. Dabei ist für mich allerdings weniger die Deutung oder Kommentierung der Bilder interessant als vielmehr deren Hervorbringung. Letztere stellt sich aber als Prozess dar und ist nicht zu verwechseln mit einer Entlassung von etwas bereits Fertigem bzw. thematisch Definiertem. Eher sind es gefühlsmäßige Atmosphären und scheinbar rein physische Bewegungsimpulse, also etwas Gestisches, was mich zum Bildermachen treibt. Erst in der Übertragung durch Zeichnung und Farbe stellt sich eine Konstellation oder eine Form ein. Das hat gefühlsmäßig mit einer frühen Erinnerung von „zaubern“ zu tun. Dieser Akt des Zauberns erscheint mir geradezu konstitutiv für das Hervorbringen von Bildern, weil alle vorherigen konstruierten Entwürfe oft wieder verworfen oder hintangestellt werden zugunsten dieser „spontanen“ Herangehensweise – als sollte damit die eigene unmittelbare Lebendigkeit auch das entstehende Bild vitalisieren. Diese gestisch entworfene Szenerie ist jeweils das Grundgerüst der folgenden malerischen Konstruktion.

Elisabeth Luchesi

Malerische Reisen

Elisabeth Luchesis Malereien entstehen aus dem absichtslosen Gekritzel, aus dem ruhelos zirkulierenden Strich als sichtbare Amplitude der eigenen Erregung. Die irrende Linie ist gleichsam ein Weg, der sich sukzessiv entspinnt und das Blatt wandernd erforscht. Nach und nach füllt sich so die Fläche, lädt sich rhythmisch auf und lässt verstrichene Zeit sichtbar werden.

Entstandene Zwischenräume werden malerisch erobert, Partien scheinbar plastisch gewölbt, Muster und Strukturen eingewoben. Klarheit ist nicht das Ziel in diesem Spiel zwischen Fläche und Volumen, ein immerwährendes Tauziehen der beiden gegensätzlichen Kräfte, das nicht gewonnen werden kann. Was sich da in den Raum entwickelt, taucht anderen Orts wieder in die Fläche ein. Das malerische Konglomerat entlässt nichts leichtfertig in den Raum, als ringe es konstant mit der Sorge, dass etwas für immer entkommen könnte, sobald es konkrete Gestalt annimmt. Atmosphärisch ein unsicheres Terrain, was jegliche Form verhindert und sie doch gerade deswegen hervorbringt, weil es sich eben um ein Bild handelt. Hier auf dem Malgrund geht alles, die Grenze zwischen imaginativem und realem Raum kümmert nicht weiter.

So wandelt sich von der Malerin unbemerkt dann doch etwas aus der bewegten Fläche ins Greifbare und Wesenhafte. In einem unbeobachteten Moment entwischt es, stiehlt sich aus dem Bild hinaus und schwebt wie ein prall gefüllter Heißluftballon hinaus in die Welt. Sein Zwilling bleibt im Bild zurück, damit das malerische Gefüge während seiner Reise bestehen kann. Als plastische Objekte im Raum erlauben die malerischen Kreaturen einen Blick auf das Jenseits der Leinwand. Wie Trabanten sind sie jedoch dabei unweigerlich an das Bild gebunden, aus dem sie kommen und das sie in sich tragen.

Jutta Saum

Unterwegs mit fabelhaften Gestalten

Elisabeth Luchesi hat eine „tief verwurzelte Aversion gegen eine‚Deutung‘ von Bildern.“ Generell. Also solle man, bitteschön, auch nicht über ihre Bilder sprechen nicht „darüber“, vielmehr „dazu“.

Erstes „Dazu“, Frage: Wohin schweben, wandern die fabelhaften Gestalten der Elisabeth Luchesi? Woher kommen sie? Wer sind sie? Auswanderer? Einwanderer? Fremde? Freunde? Fremde Freunde? Migranten? Nomaden? Fliehende? Reisende mit Ziel oder ohne? Alleingelassene? Ausgeschnitten aus ihren Kontexten? Abgeschnitten von ihren Ursprüngen?

Letzteres in gewisser Hinsicht, und nicht nur rein „technisch“ betrachtet, ja. Denn die fabelhaften Kreaturen nicht Tieren, nicht Menschen, eher mythischen, märchenhaften Gestalten ähnelnd oder solchen aus einer Fiktion über unsere Welten von morgen hat Elisabeth Luchesi aus früheren Arbeiten von sich ausgeschnitten. Einer Chirurgin gleich hat sie sodann das Ausgeschnittene zusammengefügt: an den Rändern gelocht und vernäht, miteinander verstrickt und in Korrespondenz gesetzt zu neuen Bildern. Die zurückgelassene Leere sehen, kennen wir nicht.

Verstrickungen. Verlassene Welten. Verlorene Heimaten. Dass da aller Farbenfroheit schmerzvolle Akte vorausgegangen sind, lässt sich denken, gibt zu denken. Akte der Zerstörung. Voraussetzung hier für Neues, Umgedachtes.

Walter Stöhrers Bilder kommen mir in den Sinn. Das Gestische teilt Elisabeth Luchesi mit ihm. Die Lautmalerei. Gewiss. Doch ihr Weg führt sie fort und weiter. Weg von ihren Leinwänden. Weg von den Wänden, von Wänden überhaupt. Hinein in den Raum. In tiefe Räume. Die Wand loswerden. Den Raum. Die Zeit. Führt das ins Unbehauste, Unbeheimatete? Zur Kunst?

Ernst Blochs Schluss-Sätze aus „Das Prinzip Hoffnung“ stellen sich mir ein, oft zitiert sei‘s drum: „Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

Wie sie wohl klängen, die fabelhaften Gestalten der Elisabeth Luchesi? Mit welchen Stimmen sie wohl sprächen? Mit Kinderstimmen möglicherweise? Mag sein, sie finden ihr Zuhause, ihre Heimat auch nie. Oder überall. Im All. Denn die Bilder, aus denen sie ja nur zum Schein stammen, diese Arbeiten auf Papier, Klanggebilde, lichte, leuchtende Welten, erzeugt, hervorgezaubert

mit dem Pinsel, dem Spachtel, immer in dünner, oft auslaufender, manchmal tropfender Farbe aufgetragen aufs Papier, diese feinen, mal schwarzen, mal bunten Striche, diese Stempel und Schablonen sie sind zuerst und zuletzt: Resonanzen. Klang. Samt und sonders so das Ortlose in sich ausbildend. Sie bergen in sich verlassene oder noch nicht entstandene Welten, ähnelnd einem nicht zuende gespielten Puzzle.

Nur nicht die Teile zu einem Ganzen fügen wollen! Loslassen können! Leere in der Fülle aushalten können! Müssen, womöglich. Nur dann, nur so stellt sich jener „Zauber“ ein, von dem Kinder sich im Handumdrehen erfassen lassen wie wohl niemand sonst und späterhin. Jener Zauber, von dem Elisabeth Luchesi an anderer Stelle in ihrem Text schreibt, das sei der Moment, in dem sie in voller Konzentration keine Differenz zwischen Leinwand, Pinsel und sich selbst mehr empfinde.

Rose Ausländer eine Wanderin, eine Nomadin, eine Verfolgte, eine Exilierte, viel unterwegs auch sie und ihr Gedicht „Mein Atem“.

Also, Freunde, werft eure Ängste in die Luft und vergesst nicht, wir reisen gemeinsam!

Peter Paul Kubitz